Robert Seethaler: Der letzte Satz

Tatsächlich habe ich das recht dünne Buch in einer Bücherbox entdeckt, ohne den Schutzumschlag – wer weiß was mit dem Umschlag passiert ist. Welche Reise auch immer der Schutzumschlag nun gemacht haben mag, in der Geschichte über den Komponisten Gustav Mahler geht es um seine allerletzte Reise – auf einem Schiff von New York nach Europa. Eingehüllt in eine Decke sieht Mahler auf das weite Meer und lässt den Leser an seinen Erinnerungen teilhaben. Während Mahler auf das Meer blickt, blickt er nach innen, ins Vergangene, in das was er bedauert und betrauert.

Um Musik geht es in Seethalers kurzem Porträt des Komponisten kaum, dafür um sehr viel Fieber. Nur kurz bekommt der Leser, die Leserin einen Einblick in die Art und Weise, wie der jüdische Komponist seine Schaffenskraft anzapft. „Man muss den Dingen zuhören und sich dann auf seinen Hintern setzen und arbeiten, das war das ganze Geheimnis“ – so einfach.

Großartig sind Seethalers Zeitsprünge. Mahler erinnert sich die ganze Reise über und macht so eine weitere Reise. Eine Reise zu einem Erlebnis mit seiner kleinen Tochter, die glucksend und lachend sich auf dem Rücken Mahlers festhält und sie gemeinsam durch den See gleiten. Selbst innerhalb einer Reise in die Vergangenheit erinnert sich der todkranke Mahler weiter zurück: eine Erinnerung innerhalb einer Erinnerung. Kompakte Zeitsprünge, um die man Seethaler nur beneiden kann. Nur kommt leider die Musik zu kurz, ganz so, als drücke sich Seethaler davor, das Terrain überhaupt zu betreten. Allerdings hat Seethalers Text einen eigenen Sound, er schafft Klangräume zwischen den Worten. Es ist, als wäre bei Seethaler im Ungesagten das Wesentliche gesagt. „Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald sich Musik beschreiben lässt, ist sie schlecht.“

Robert Seethaler: Der letzte Satz, Herausgeber: Hanser Berlin; Erstveröffentlichung 2020.

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